Sophienkathedrale in Nowgorod

Das war ein ungeheuer starker Eindruck, als wir einen ersten Blick auf die Sophienkathedrale in Nowgorod werfen konnten. Das war 1977. Wir waren mit meinem eigenen PKW unterwegs; das ging damals; man nannte diese Fahrten des ADAC „Package-Touren“, und es war tatsächlich eine gigantische Urlaubsfahrt durch Skandinavien und die baltischen Länder in die herrliche Stadt St.Petersburg, nach Moskau, zum Schwarzen Meer und über die Tschechoslowakei, so hieß sie damals noch. Und zwischen St. Petersburg und Moskau liegt oberhalb des Flusses Nowgorod, und viele Kilometer weit konnten wir schon die herrliche Sophienkathedrale aus dem elften Jahrhundert sehen. Ich habe damals etliche Fotos gemacht, auch von der wunderbaren Bronzetür an der Westseite der Kirche, die heute Bischofssitz der russisch-orthodoxen Kirche ist. Beim russ.orth. Gottesdienst, einer faszinierenden Feier, erlebte ich allerdings eine kleine Panne. Ich wollte zur Kommunion gehen, die in einem Löffel gereicht wurde: ein Stückchen gesegnetes Brot in etwas gesegnetem Wein. Aber der „Pope“, so heißen dort die Priester tatsächlich, hatte wohl beobachtet, dass ich das Kreuzzeichen „falsch herum“ machte, also westlich, und hat mir die Kommunion verweigert.

Das unglaublich eindrucksvolle Bronzetor ist uralt, es ist um 1150 in Magdeburg aus Bronze gegossen worden, und es ist eine Summe vieler biblischer Szenen. Das Bronze-Portal war zunächst für die polnische Kathedrale Plock bestimmt und dann nach etwa 250 Jahren nach Nowgorod überführt. In Plock ist nur eine Kopie der Tür.

Auf den ersten Blick merkt man schon, dass die Darstellung der biblischen Szenen im Ausdruck viel ernster ist als auf den westlichen Darstellungen. Als ich die Tür sah, dachte ich sofort an die russische Kunst der Ikonen, die auch viel ausdrucksstrenger sind als unsere westliche Kirchenmalerei.

Das Bronzerelief zeigt eine der ganz zentralen Darstellungen des christlichen Glaubens: Die Frauen am Grab Jesu. Links könnte ein Engel sein, das ist jedenfalls die bibische Aussage. Und die Frauen? Tieftraurig über den Tod Jesu; sie tragen ihre Salböle; eine wischt sich ihre Tränen ab, eine weitere trägt außer dem Ölgefäß  ein Weihrauchfass. Aber das Grab ist leer, die Frauen haben es anscheinend noch nicht bemerkt. Aber wir, die heutigen Zuschauer, wir sehn das leere Grab.

Es lohnt sich, dieses wunderbare österliche Bild länger zu meditieren.

Ulrich Zurkuhlen

 

 

Bildnachweis Wikimedia:
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