Frucht vom Baum der Erkenntnis

 

 
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Bei einem Besuch in der Nationalgalerie in London vor zwei Wochen fiel mein Blick auf das Bild von Gustave Courbet ( 1819 – 1877); es zeigt eine Schale mit Äpfeln und einigen anderen Früchten. Die einzelnen Äpfel sind mit große Präzision gemalt; zum Reinbeißen. Der Maler hat die Äpfel so arrangiert, dass auch die verschiedenen Reifegrade deutlich werden: ganz reife Früchte, Früchte in einem normalen Reifestadium, Früchte am Anfang der Reifung.

Das Bild hat wohl nicht nur mein Interesse gefunden, weil es sehr präzise gemalt ist, sondern auch, weil in meinem Garten soviel Äpfel hängen, dass ich kaum dagegen ankomme; die Frühäpfel sind schon lange geerntet, ein einziger Baum hat 180 Kilogramm Äpfel ergeben, die ich zur Mosterei gebracht habe; jetzt habe ich in meinem Keller einen Vorrat von Apfelsaft in der Menge von mehr als 100 Litern. Und einige Bäume sind noch nicht reif. Es ist also wie auf dem Bild von Courbet: Die Äpfel haben einen unterschiedlichen Reifegrad, je nach Sorte. Aber es gibt jedenfalls in diesem Jahr eine Riesenmenge von Äpfeln aller Sorten. Im Alten Land in der Nähe von Hamburg, dem wohl bekanntesten Äpfelanbaugebiet in Deutschland, kann man der Menge kaum noch Herr werden.

Aus einem anderen Grund fanden die Äpfel aber auch noch mein Interesse. Ich habe kürzlich in Bayern ein Bild von Maria gesehen, die dem Jesus-Kind auf ihren Armen einen Apfel reicht. Der unbekannte Maler hat nicht beachtet, dass ein kleines Kind noch keine Äpfel essen kann, weil ihm noch die Zähne fehlen. Es kann also gar nicht in den Apfel hineinbeißen. Sondern es ist eine Allegorie: Der Maler hat die Paradieses-Geschichte umgedreht. In der biblischen Geschichte vom ersten Sündenfall gibt Eva verbotenerweise ihrem Partner Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis, weil die „Schlange“ sie dazu verführt hat. Das war für die beiden einen Katastrophe. Denn das Paradies rückte nun in weite Ferne. Die neue Eva aber reicht dem Jesus-Kind ionm bester Absicht diese Erkenntnis-Frucht.

Man muss wissen, dass in der Paradies-Geschichte überhaupt nicht von einem Apfel die Rede ist. Das ist schlicht ein Übersetzungsfehler. In der lateinischen Bibelübersetzung wird vom „malum“ – also mit kurz gesprochenem „a“ – gesprochen, und das heißt: das Böse, das Übel. Würde man den Vokal lang gedehnt aussprechen, hätte man das lateinische Wort von „Apfel“. Es geht also nicht um einen Mundraub, sondern um das Böse, das von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Und die Erkenntnis, die die Menschen beim Tun des Bösen, bekommen, ist alles andere als heilbringend; sie zerstört, so will die Bibel sagen. Und das entspricht ja durchaus der menschlichen Erfahrungen, die in der Geschichte vom Sündenfall ihren Niederschlag gefunden hat. Manche Bibelerklärer meinen übrigens, die Schlange sei ein Sexual-Symbol, in vielen Religionen ist sie jedenfalls eine Fruchtbarkeitsgottheit, die als solche von vielen verehrt wird. Dann geht es in der Geschichte also darum, dass der Mensch nicht etwas vergötzen soll, was allein in die Macht des einen Gottes gehört. Die legendären Paradiesesmenschen setzen an die Stelle des guten Gottes einen Dämon, und die Folgen sind dann sehr schmerzhaft.

In Jesus wird die Geschichte umgedreht: Jesus setzt Gott an die erste Stelle, und indem er das Böse stellvertretend auf sich nimmt am, Kreuz und alle menschliche gottfeindliche Bosheit in seinem Leiden ertragen muss, wird er zum Retter der Welt. Die Frucht seines Leidens aber ist dann die Auferstehung, keine zerstörerische Frucht mehr, sondern eine heilsame, erlösende Frucht.


 

Ulrich Zurkuhlen (September 2006)