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Das ungewollte Kreuz

 

Ende der sechziger Jahre wurde in Berlin, direkt am Alexanderplatz im damaligen Osten, der fast 400 Meter hohe Fernsehturm gebaut; er war das Wahrzeichen im damaligen Ostteil der Stadt und überragt auch heute noch die ganze Stadt Berlin. Der damalige Machthaber Walter Ulbricht hatte diesen Turm gewollt und ihn in die Tat umgesetzt.

Nun muß man wissen, daß Ulbricht ein sehr engagierter Kämpfer gegen alles Christliche war, das er infolge seiner Weltanschauung für überholt und außerdem für gefährlich beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft hielt. Er ging sogar so weit, Kirchen, die ihm im Wege standen, abreißen zu lassen; daß dabei auch manche kulturelle Kostbarkeit vernichtet wurde, ist klar; aber es ging ihm und den anderen Mächtigen nicht um Kultur, sondern um die Auslöschung christlicher Zeugnisse.

An die Stelle christlicher Glaubenszeugnisse sollte also das neue machtvolle Wahrzeichen treten, dessen Spitze von einer riesigen Kuppel gekrönt werden sollte. Als die metallfarbene Kuppel fertig war, staunten die Leute nicht schlecht; denn im Sonnenlicht zeichnete sich auf allen Seiten der Metall-Kuppel, je nachdem von welcher Seite man den Turm betrachtete, ein riesiges leuchtendes Kreuz ab. Denn infolge der Krümmung der Kugel spiegelte sich die Sonne nicht wie auf einer F1äche, sondern durch die Brechung des Lichtes eben in der Gestalt eines Kreuzes ab.

Die Berliner haben sich damals, auch soweit sie nicht besonders gläubig waren, köstlich darüber amüsiert; das ist auch wohl der Grund dafür, daß die Machthaber nichts verändert haben, so daß man auch heute noch, wenn man den Fernsehturm im Sonnenlicht sieht, das Kreuz von jeder Seite erkennen kann: ein großes leuchtendes Kreuz, auffälliger als alle Kirchturmskreuze Berlins zusammengenommen.

Wenn Sie wollen, können Sie diese Geschichte, die jeder Reiseführer in Berlin erzählt, als eine erstaunliche Begebenheit deuten. Jedenfalls finde ich das einfach großartig: Da will ein von seiner Ideologie besessener Machthaber die Erinnerung an das Glaubensgut der Christen verdrängen, und manchmal gelingt es ihm und übrigens auch vielen anderen. Aber dann tritt plötzlich das Unerwartete ein: Menschen erkennen in ganz natürlichen Vorgängen Zeichen einer anderen Dimension, nämlich ein Kreuz.

Was für die Christen tiefster Grund des Glaubens ist, ist für andere, wie im Falle des Berliner Fernsehturms, nur eine angenehme Überraschung. Aber ist das so wichtig ?

Jedenfalls leuchtet jetzt über Berlin, einer nicht gerade vom Christentum geprägten Weltstadt, das Symbol des Kreuzes. Und manch einer wird vielleicht nachdenklich. Und das ist dann schon eine ganze Menge: Auch ungewollte Kreuze können eine erstaunliche Wirkung zeigen.

Ulrich Zurkuhlen (September 2002)