Sankt Martin

St. Martin
 



 
Gestern habe ich sie gesehen: die Kinder, die mit ihren Laternen wohl zum Kindergarten zogen, wo eine Martinsfeier stattfand: Martinslieder, Pferd mit dem soldatischem Reiter, Gebäck und Saft usw. Martin ist einer der populärsten Heiligen neben dem heiligen Nikolaus. Vor wenigen Wochen sah ich auf einer Elsass-Wallfahrt das Bild des heiligen Martin in Colmar, wo die Stadtkirche dem heiligen Martin geweiht ist; ein Mitreisender hat es fotographiert.

Martin war tatsächlich eine faszinierende Gestalt. Er lebte von 316 bis 397. Geboren als Sohn eines hohen römischen Beamten in Ungarn, tat er Dienst im römischen Heer und wurde nach Gallien geschickt. Vor dem Stadttor der Stadt Amiens ereignete sich die „Mantelteilung“, eine starke Geschichte des Dienstes und der Bereitschaft zum Teilen. Das ist wirklich ein starkes Zeichen für Kinder, dass man nicht egoistisch nur seine eigenen Wünsche erfüllt haben möchte, sondern dass man auch mit anderen teilen muss. Uns blieben manche Katastrophen erspart, wenn sich alle Menschen an diese Jesus-Regel halten würden, deren Belohnung man im Weltgericht zu erwarten hat.

Welch eine bedauernswerte Kreatur, die auf unserem Bild zu Füßen des Heiligen sitzt. Wer da nicht von der Not eines Menschen angerührt wird, müsste schon ein Herz aus Stein haben, und das hatte Martin nicht. Martin war zunächst nach seiner Taufe, bei der aus dem römischen Heer ausstieg – der erste Wehrdienstverweigerer? -, bei dem großen Bischof Hilarius von Poitiers. Als er zum Bischof von Tours ernannt werden sollte, versteckte er sich; denn anders als manche Kleriker heute, drängte es ihn keineswegs zum Bischofsamt, sondern er hoffte, das Leben eines Einsiedlers leben zu können. Aber er hatte sich ein schlechtes Versteck gesucht: einen Gänsestall, und die Gänse schnatterten so laut, dass sein Versteck entdeckt und Martin zum Bischof von Tours geweiht wurde, wo heute sein Grab ist, das von vielen Pilgern besucht und verehrt wird. Als ich auf der Rückfahrt von einer Santiago-Pilgerreise am Sarkophag des hl. Martin die Messe feierte, kam eine andere Gruppe aus Münster, die ebenfalls aus Santiago kam, ganz unerwartet zu uns, und wir feierten völlig ungeplant die hl. Messe gemeinsam. Und da beide Gruppen recht groß waren, wurde es in der Krypta eng, aber schön.

Und die Gänse? Sie werden bis heute übel bestraft, indem man sie in die Pfanne gibt und sie zur wohlschmeckenden Martinsgans bereitet. Verdient haben die arm en Gänse das nicht, aber gut schmecken tun sie trotzdem.

Ich fand kürzlich ein Heft mit dem Titel „Martinszeit“ (Dortmund 2011) mit den wunderbaren Martins-Geschichten und mit dem wichtigen historischen Hinweis, dass der hl. Martin der erste westliche Heilige ist, der kein Märtyrer war. Das ist also ein bedeutender Einschnitt in der Geschichte der Heiligenverehrung.

In dem Heft sind viele schöne Martins-Gedichte. Besonders gefallen haben mir die Martins- Parodien auf klassische Gedichte von Ulrich Harbecke, z.B.

Er sei unvergessen, er trägt die Kron,

einer für alle, unsre Liebe sein Lohn.

St. Martin.

Wer dächte da nicht an ein berühmtes Gedicht von Theodor Fontane? Oder eine Martins-Parodie auf ein Gedicht von Heinrich Heine:

Ich glaube, der Himmel bescherte

am Ende den armen Mann.

Und das hat mit seinem Schwerte

der Heilige Martin getan.