Weltenherrscher

Weltenherrscher
 

 


Weltenherrscher

 

Ein Freund hat mir vor einiger Zeit eine Postkarte aus Cividale geschickt, und weil ich selbst auch vor einiger Zeit dort war, hat mich das Bild natürlich besonders interessiert.

Cividale liegt im nördlichen Italien, in der Nähe von Udine, dicht an der italienisch-slowenischen Grenze. Heute ist der Ort ziemlich klein. Seine besondere Sehenswürdigkeit ist eine Klosterkirche, die etwa aus dem 5./6. Jahrhundert stammt; dort sind uralte, bestens erhaltene überlebensgroße Frauengestalten zu sehen, auch alte, gut erhaltene Fresken. Auch der Dom von Cividale ist sehenswert. Die große Zeit der Stadt war die Zeit der Langobarden, auf ihre Spuren trifft man hier oft.

Im Zentrum der Stadt ist ein „Christliches Museum“, und das ist faszinierend. Und aus diesem Museum kommt die Ansichtskarte. Sie ist die Abbildung eines Altar-Reliefs aus dem 8. Jahrhundert; wer hätte das geahnt, dass die Langobarden solch kostbare christliche Kunst hinterlassen haben?

Das Relief ist an der Vorderseite des Altars, und da selbstverständlich die Messen an diesem Altar zum Volk hin gefeiert wurden, sah man mit einem Blick den Priester bzw. Bischof und das Bild unmittelbar übereinander.

An den beiden Seiten des alten Altars sind andere schöne Reliefs: ein wunderbares Bild der Erscheinung des Herrn mit den drei Weisen, und gegenüber ein Bild der Begegnung von Maria und Elisebeth, der so genannten Heimsuchung: Beide Frauen sehen nicht besonders begeistert aus, vielleicht wollte der unbekannte Künstler darauf hinweisen, dass die Geburt, vor der beide Frauen standen, vielleicht auch mit Sorgen und Schmerzen verbunden ist.

Das Bild an der Vorderseite des Altars zeigt den Weltenherrscher Christus; er ist die zentrale Gestalt aller christlichen Frömmigkeit; denn auf ihn hin ist das Leben der Christen ausgerichtet. Manchmal vergessen wir ja, dass der christliche Glauben nicht nur eine nach rückwärts gerichtete Erinnerung an den Jesus von Nazareth damals ist, sondern dass alles auf die Zukunft hin geht, letztlich zu dem, der einmal als Weltenherrscher das Ziel der Geschichte sein wir. Typisch ist für das Bildmotiv, dass der Heiligenschein in der Form eines Kreuzes ist, das kennen wir auch aus vielen anderen Pantokrator-Darstellungen. Mit der rechten Hand segnet er, mit der linken Hand hält er eine Schriftrolle, vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Heilige Schrift das Zeugnis seiner Verkündigung ist und dass vor allem die Offenbarung des Johannes die Weltherrschaft des Pantokrators schildert.  Ganz geschickt, wie der Künstler den sitzenden Weltenherrscher gearbeitet hat: ein bisschen unbeholfen sitzt er da, aber er strahlt Würde aus. Umgeben ist er von der „Mandorla“, diesem mandelförmigen ovalen Pflanzenornament. Und vier Engel tragen diesen Kranz, während zwei Engel direkt neben Christus stehen, so als ob sie ihn aufheben wollten; oder stehen sie anstelle des Thrones, auf dem er sitzt?

Auch die Gesichter der Engel sind streng. Während spätere Zeiten oft lachende Engel darstellten, z.B. der berühmte Engel in Chartres, zeigen die Engel auf diesem Bild würdige Strenge. Der Augenblick ist nicht zum Lachen, sondern er ist das gewichtige Finale der Weltgeschichte in positiver wie negativer Hinsicht. Der Altar hat mich außerordentlich beeindruckt, zumal eine geschickte Licht-Installation das Altar-Relief in bunte Farben tauchte; möglicherweise ist der Altar in der frühen Zeit, also im 8. Jahrhundert, farbig gewesen.

 

Cividale ist eine Reise wert, und der Altar ist es allemal.