Der holländische Kardinal

Bild März 2013
 



 

In den vorigen Tagen wurde in den Medien viel aus Rom berichtet, ja, Rom und der neue Papst standen nicht selten am Anfang der Nachrichten. Ich habe meine alten Fotoalben durchgesehen und bin auf ein Foto gestoßen, auf dem ich im Gespräch mit dem holländischen Kardinal Bernhard Alfrink zu sehen bin. Das war Anfang Mai 1968, ich hatte damals den Kardinal Höffner zu seiner Kardinals-Erhebung nach Rom begleitet; bei dem Empfang hat ein unbekannter Fotograf dieses Bild gemacht.

 

Kardinal Alfrink war Erzbischof von Utrecht und eine der bedeutendsten Gestalten des Konzils, ein „Progressiver“; das hat ihm auch in Holland nicht nur Anerkennung eingebracht, denn Holland war damals ein kirchlich recht konservatives Land. Das relativ kleine Land sandte Hunderte von Missionaren und Missionarinnen in die weite Welt.

 

Das ist heute ganz anders. Viele Klöster sind inzwischen geschlossen, und im Grenzgebiet zu Deutschland, wo es früher von Klöstern wimmelte, gibt es nur noch ein einziges: das Benediktinerkloster in Slangenburg. So hat sich Das Erscheinungsbild der Kirche geändert, nicht zuletzt deswegen, weil unter Papst Johannes Paul II. einige sehr ungeschickte Personalentscheidungen waren. Viele Kirchen sind inzwischen geschlossen oder zweckentfremdet, prozentual wesentlich mehr als in Deutschland.

 

Vor einiger Zeit habe ich einen interessanten Bericht über die holländische Kirche gelesen. Es war von einem radikalen religiösen Wandel und von einer weitgehenden Abschwächung der traditionellen Kirchlichkeit die Rede. Im Jahr 2006, aus dem die folgenden statistischen Zahlen stammen, umfasste die katholische Kirche in Holland 16 % der Holländer. Insgesamt gehörten 61 % der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft an. Der Kirchenbesuch ist bei den kleinen Freikirchen relativ am höchsten, bei den Katholiken am geringsten. 24 % haben ein unscharfes Gottesbild, 26 % sind Agnostiker, 14 % sind bekennende Atheisten. 31 % bezeichnen sich als gläubig, 19 % unkirchlich, 20 % als ungläubig.

 

Genug der Statistik.  Ein Religionssoziologe hat die Situation eine „Suchreligion“ genannt; viele Glaubenssicherheiten sind gefallen, auch die Gleichsetzung von Bürger und Christ ist weitgehend geschwunden, auch wenn viele der nicht kirchlichen Gebundenen der Meinung sind, dass es Werte und Normen geben müsse, die weiter vermittelt werden müssten. Viele Niederländer, die nicht kirchlich gebunden sind, beten dann und wann. Also: Das Religiöse ist nicht einfach verschwunden, sondern es sucht sich neue Formen: individuell, spirituell, persönlich; ohne Bezug zu einer kirchlichen Gemeinschaft. Übrigens: 42 % glauben an esoterische Praktiken, z.B. dass Menschen die Zukunft voraussagen können. 29 % glauben an Horoskope. Verständlicherweise sind das vor allem Menschen, die keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören.

 

Wir sollten mit wachen Augen die Entwicklung der Kirche in Holland beobachten. Manche meinen, die  holländische Entwicklung werde allmählich auch in Deutschland, besonders in Westdeutschland, maßgebend für die kirchlich Entwicklung sein: dieses Pendeln „zwischen treuer Kirchlichkeit und individuell gelebtem Unglauben“.

 

Wir werden ja sehen.