Priestermangel

Bild Juni



Ist er nicht nett, dieser kleine Porzellan-Priester mit der goldenen Priesterstola? Ich habe ihn auf einer Ausstellung in Münster für 2,50 € gekauft, er war der letzte, den ich bekommen konnte. Manche, die meinen kleinen Priester sehen, meinen sofort, das sei doch eine Priesterin, das Gesicht sei eindeutig weiblich. Kann sein! Aber ist das schlimm? Im Gegenteil!

 

Aber mir kam natürlich gleich ein ganz anderer Gedanke in den Sinn: Wenn dieser kleine Priester der letzte war, den man kriegen konnte, kommt einem da nicht sofort der Gedanke an den Priestermangel in den Sinn? Angeblich haben wir viel zu wenige Priester, aber vielleicht sind es gar nicht zu wenige, sondern sie sind nicht sehr gut verteilt. In Münster gibt es sehr viele Priester, in anderen kleineren Gemeinden fehlen sie. Aber es ist nun mal so, dass z.B. pensionierte Priester – und das ist eine große Zahl – lieber in die Stadt ziehen, wo es auch ein reiches kulturelles Angebot gibt. Vielleicht möchten sie auch gern in der Nähe des Bischofs sein!? Jedenfalls muss kein Priester mit Verwaltungsaufgaben überlastet sein. Dafür sind Rendanten, Zentralrendanturen, Geschäftsführer usw. da. Und es ist zu wünschen, dass Gemeinden auch in nicht zu ferner Zukunft auch von Laien geleitet werden können, wie es in Österreich jede zweite Kjrchengemeinde praktizirt. Dann wäre der Priester so etwas wie ein Spiritual, der sich um die Menschen geistlich kümmert.

 

Und dann die Ausbildung. Da müssten etliche neue Akzente gesetzt werden. Im Nachhinein vermisse ich es sehr, dass wir in unserem Studium sehr wenig über das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaften erfahren haben. Das ist aber der zentrale Punkt in vielen Diskussionen und Gesprächen: Wie ist das eigentlich mit dem Urknall; fing da alles erst an, oder gab es vielleicht schon vorher viele „Universen“?  Wie ist die Evolution verlaufen? Ist es so, wie Karl Rahner in einer Vorlesung gesagt hat, die Menschheit sei dabei, sich zurückzuentwickeln, und zwar schon seit dem Beginn der Neuzeit. Er könne sich vorstellen, dass die Menschheit einmal dadurch untergeht, dass sie sich wieder zum Affen oder einem anderen Lebewesen zurück entwickelt. Wenn ich auf der Ludgeristraße sitze und mir die Leute ansehe, scheint mir Rahners These gar nicht so unwahrscheinlich zu sein.

 

Dann wäre extrem wichtig die Information über das Verhältnis von Christentum und Islam.

 

Sehr wichtig wäre die Schulung zur Mediation, also nicht zur Meditation, das wird ja gut und umfassend gemacht. Aber die Rolle als Streitschlichter, als Konfliktberater: Das muss man lernen, auch mit Hilfe von guten Psychologen.

 

Also: Der kleine Porzellanpriester treibt mich zu vielen Gedanken an, von denen die eben dargelegten noch die wenigsten sind.

 

 
Ulrich Zurkuhlen