Klamm

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Ich weiß nicht, warum diese tief eingeschnittenen Täler mit dem reißenden Wasser „Klamm“ heißen; ein Blick in das Sprachlexikon hat mir auch nicht weiter geholfen. Jemand sagte mir, dass komme von „klemmen“: Der Wasserfluss ist buchstäblich zwischen Felsen eingeklemmt; aber ob das sprachlich richtig ist, weiß ich nicht. Solche Klamms gibt es in den Alpenländern nicht selten.
Ich war in den letzten Wochen zur Kur in Oberstdorf. Oberstdorf ist die südlichste Stadt Deutschlands, eingeklemmt zwischen den bizarren Bergen, die weitgehend zu Österreich gehören. Auch das Kleinwalsertal, das nur von Oberstdorf her zu erreichen ist, gehört zu Österreich. Und direkt an der deutsch-österreichischen Grenze liegt die „Breitach-Klamm“, eine Natur-Sehenswürdigkeit besonderen Ausmaßes. Die Breitach, ein sonst ganz harmloser Fluss, schießt mit einer gewaltigen Geschwindigkeit durch die Felsen hindurch, die z.T. wohl fünfzig Meter oder mehr aufragen. Manchmal fühlt man sich wirklich eingeklemmt zwischen den Felsen. Und jetzt, wo auch noch Schnee liegt, ist der Anblick besonders faszinierend. Und an einigen Stellen fällt das Wasser von den Felsen in das schmale, tiefe Bachbett. Und dabei macht das Wasser einen gewaltigen Lärm.
Die Klamm ist nicht ungefährlich; 1995 sind gewaltige Felsmassen von oben in die Klamm hinabgestürzt; zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen, aber die Tausenden Kubikmeter Wasser haben das schmale Bett etwa 30 m hoch gestaut. Es muss ein eigenartiger Anblick gewesen sein, faszinierend und beängstigend zugleich.
Das eigentlich Grandiose ist die Tatsache, dass das Wasser eine so gewaltige Kraft hat. Auch wenn es Jahrmillionen dauert: es ist immer wieder ganz erstaunlich, dass das Wasser solch eine Kraft hat, den Felsen zu vertiefen und aus einer Felslandschaft eine tiefe Schlucht heraus zu waschen. Wenn wir mit Wasser umgehen, etwa beim Händewaschen oder Duschen, können wir natürlich nicht wahrnehmen, welch eine Kraft das Wasser entwickeln kann, und der Volksmund hat wohl recht, wenn er sagt: „Steter Tropfen höhlt den Stein!“ Das bedeutet, dass mit der Zeit auch schon ein Tropfen Wasser eine solche Kraft haben kann, dass Felsen dadurch ausgehöhlt werden.
Wasser hat eine große Kraft. Es hat sogar im Sakrament die Kraft, einen Menschen zu verwandeln: von einem christusfernen zu einem von Christus gesegneten Menschen. Manchmal, wenn ich ein Kind taufe, denke ich daran, dass sich jetzt, im Augenblick der Taufe, durch die Kraft des Wassers eine Verwandlung vollzieht. Und ich denke daran, dass in der Bibel erzählt wird, wie das Wasser des Sees so fest war, dass es Christus tragen konnte, ohne dass er unterging.
Natürlich ist es im Sakrament nicht einfach das Wasser, sondern das Wasser, dass hinter dem Augenschein eine große innere Bedeutung hat. Und der Mensch, der mit dem Wasser übergossen wird, bekommt augenblicklich eine neue Seins-Qualität. Das machen das Wasser und das Wort, das das Übergießen mit Wassers begleitet.
Ich habe, als ich vor wenigen Tagen durch die Breitach-Klamm ging, an die Taufe gedacht.