Ein Labyrinth, kein Irrgarten.

 
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Das bekannteste Labyrinth ist in der Kathedrale von Chartres in Frankreich, und zwar im Boden dieser berühmten Kirche. Man kann den Weg des Labyrinths nachgehen. Es sind über 300 Meter, aber was ist das schon angesichts der vielen, langen Wege, die wir gehen und gehen müssen. Da sind 300 Meter nicht viel.
Aber es geht ja um das Symbol; deshalb sind manche Labyrinthe auch senkrecht an Kirchenwänden angebracht. Dann kann man sie „nur mit den Augen“ gehen.

Labyrinthe sind oft an und in Pilgerkirchen des Mittelalters. Da hatten sich Menschen auf den Weg gemacht, in unserem Beispiel nach Santiago de Compostela, und da liegt Chartres am Weg. Jede Pilgerreise ist ein Symbol des Lebensweges: Man geht einen oft langen Weg. Manchmal möchte man verzweifeln, so mühsam ist der Weg, besonders angesichts unerwarteter Widrigkeiten wie Krankheit oder Armut oder Einsamkeit. Manchmal gibt es wunderbare Wegstrecken: Wege der Liebe, des Erfolges, des Glückes; auch diese Wegstrecken sind manchmal unerwartet. Und dann gibt es auch die langweiligen, immer gleichen Strecken, auf denen nichts Aufregendes passiert; das ist Alltag, und er macht die längsten Phasen des Lebensweges aus. Und vor allem: Da ist ein Ziel, auf das das Leben hingeht. Leben ist nicht: Sich im Kreis drehen! Sondern: Aufbrechen und gehen und ankommen. So ist das Leben.

So waren und sind auch die Pilgerwege, die ein Symbol des Lebens sind.

Und so waren und sind die Labyrinthe, die ein Symbol des Symbols sind: Damals gingen vor allem diejenigen den Weg des Labyrinths, denen der Weg nach Santiago oder zu einem anderen Pilgerziel zu mühsam und beschwerlich war. Wer den Weg des Labyrinths ging, der ging zeichenhaft den Weg der Pilgerschaft.

Und so ist das Labyrinth auch kein Irrgarten, auch wenn es manchmal verwechselt wird. Wer in einen Irrgarten geht, läuft oft vergeblich. An vielen Stellen führt der Weg nicht weiter. Man muss zurückkehren, vielleicht sogar ganz von vorn anfangen. Oft geht der Weg in die Irre.

Und das ist beim Labyrinth anders: Wer einmal den Weg beginnt, wird unweigerlich zum Ziel kommen, und dieses Ziel ist Christus. Deswegen ist das Ziel in der Mitte des Labyrinths in der Regel ein Christussymbol. Damit soll dem Wehenden gesagt werden: Wenn du dich auf den Weg machst, wirst du zu Christus als dem Ziel kommen. Gewiss: Manchmal meint man, schon sehr nahe am Ziel zu sein, aber in Wirklichkeit ist das Ziel noch weit entfernt. Manchmal muss man die Richtung ändern, aber es geht auf jeden Fall weiter. Denn der Irrgarten ist das Symbol der unerlösten Welt, das Labyrinth aber ist ein Zeichen der Erlösung.
Wir haben in unserem Pfarrgarten der Dyckburg-Gemeinde vor einigen Jahren ein Labyrinth angelegt, etwa nach dem Muster von Chartres, aber natürlich in kleiner Form. Es ist direkt im Innenraum unseres Kreuzweges; das ist Absicht. Kreuzweg und Labyrinth haben oft viel miteinander zu tun. Und wenn ich aus dem Fenster des Pfarrhauses blicke, sehe ich oft Leute, die das Labyrinth gehen. Die Kinder hüpfen meistens hindurch, für sie ist es ein Spiel; auch das Leben wird für sie ja oft auch als großes Spiel erlebt. Aber manche Erwachsene gehen das Labyrinth nachdenklich und meditativ, vielleicht beten sie auch dabei. Und sie kommen zur Mitte, zum Ziel. Und ich wünsche, diese Erfahrung möchten die Labyrinth-Geher auch in ihrem Leben machen: Dass sie ans Ziel kommen, wenn sie sich tapfer auf den Weg machen, den Lebensweg!

Das Foto verdanken wir Frau Cordula Millert aus Bocholt.
 

Ulrich Zurkuhlen (Februar 2005)