Widerspruch und Harmonie

Ich kenne wenige Bilder, die das Naturschauspiel eines Regensbogens so vollkommen vollendet wiedergeben wie dies Foto aus dem französischen Nationalpark „Les Ecrins“; das Bild fand ich als Postkarte an einem Kiosk in Österreich. Man mag ein wenig gelächelt haben über die Menschen, die an ein Zeichen Gottes dachten, wenn sie sahen, wie ein Regenbogen am Horizont aufging. Und sie zählten die Farben: sieben! Natürlich kann man auch zehn Farben zählen, und die berühmte Siebenerskala enthält hellblau und dunkelblau. Warum also nicht hellrot und dunkelrot? Die Grenzen sind ja ohnehin nicht scharf zu sehen. Der Regenbogen wirkt ja einfach bunt, farbig, wenn auch in irgendeiner Harmonie.

Wohl erst viel später haben Physiker entdeckt, dass alle Farben zusammen die Nichtfarbe „weiß“ ergeben; man muss die Farben auf eine Schreibe malen, und zwar je nach Farbintensität verschieden großflächig, und wenn man die Scheibe ganz schnell dreht, sieht man nur die weiße „Farbe“; wir haben das vor längerer Zeit in einem Kindergottesdienst demonstriert. Der Regenbogen ist das Symbol eines Kampfes, in dem es weder einen Sieger noch einen besiegten gibt. Sonne und Regen prallen in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit aufeinander. Es kann sein, dass durch den Regen schon die Sonne durchschimmert, und ebenso kann es sein, dass der Sonnenschein durch ein plötzlich ausbrechendes Gewitter verdunkelt wird; beide Male kann es zum Regenbogen kommen, wenn Regen und Sonneneinstrahlung in einem bestimmten Winkel zueinander und zum Betrachter stehen.

Für uns ist der Regenbogen nur ein Naturphänomen, ein physikalischer Lichtreflex, mehr nicht, auch wenn man zugeben muss, dass auch uns aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts der Regenbogen immer noch eine gewisse Faszination entlockt. Wir wissen, wie dies Naturereignis zustande kommt, aber deshalb sind wir nicht klüger als die Menschen der Vergangenheit, und die Menschen damals waren nicht dümmer als wir. Vielleicht waren sie sogar sensibler, weil sie voller Staunen und Bewunderung, auch mit ein bisschen Angst, zu diesem großen Versöhner emporblickten. Versöhner? Da dachten die Menschen an Gott, und der Regenbogen wurde für sie ein Zeichen des Friedens.

Und weil der Regenbogen sich vom „einen Ende der Erde bis zum andern“ spannte, war es selbstverständlich, dass die Friedenssehnsucht des Menschen auch seine Beziehung zu Gott umfasste und dass im Regenbogen ein Zeichen dafür zu sehen war, dass ihn Gott selbst als Garant seines göttlichen Friedenswillens an den Himmel gesetzt hatte. Denn Gott will den Frieden mit den Menschen, ja, Gott will einen ewigen Bund zwischen ihm und der ganzen Menschheit. Und Gott steht zu seinem Bund. Seine Garantie-Urkunde ist der farbenprächtige Bogen, so haben es die Menschen gesehen, und waren sehr beruhigt. So erzählen es ja schon die alten Geschichten im Buch Genesis des Alten Testamentes: Am Ende der Sintflut steht Gottes unumstößlicher Friedensspruch; der Regenbogen ist für alle Zeiten das sichtbare Symbol dafür.

Der Regenbogen steht für Gegensätze und Widersprüche, für Frieden und Harmonie. In weniger als zwei Monaten feiert die Christenheit den Karfreitag als Tag von Tod und Untergang, wenige Tage später das Fest der Auferstehung und des Lebens; lassen sich größere Gegensätze denken? Für Christen gibt es nicht nur den Widerspruch von Tod und Leben, sondern auch die Harmonie. Die Ereignisse um Jesus zeigen, dass Tod und Leben ganz dicht beieinander liegen, nicht nur im Bezug auf den Termin, und nicht voneinander zu trennen sind.

Der Regenbogen kann auch uns aufgeklärten heutigen Menschen einige Signale geben, die wir möglicherweise lange übersehen hatten.