Noach – zwischen Sorgfalt und Trunkenheit

Es wird auch von kirchennahen Christen übersehen, dass in der Bibel-Verkündigung der Kirche gleich am ersten Adventssonntag der alte Noach auftaucht, der ja in der Frömmigkeitsgeschichte der Christen eine nicht unerhebliche Rolle spielt; Jesus erwähnt ihn in seiner Endzeitverkündigung und lobt ihn wegen seiner umsichtigen Sorgfalt: Während viele andere Menschen damals sorglos in der Tag hinein lebten, arbeitet Noach an seiner und seiner Familie Zukunft. Gott hatte ihn dazu beauftragt, und Noach ist folgsan, auch wenn er wahrscheinlich nicht eingesdehen hat, warum er auf dem trockenen Land ein riesiges Holzschiff bauen solle. Und erst recht wird er sich einige Fragen getsellt haben, als er Tiere und Menschen in die Arche führte. EDrst als das Unwetter kam, wusste Noach, warum das alles richtig war. Andere waren nicht so wie Noach; sie ertranken jämmerlich.

Jesus will den Leuten sagen, dass sie die Realitäten der Welt sehen sollen und dass sie aktiv und engagiert an der Rettung der Welt mitzuarbeiten haben; das steht allerdings in einem Gewissen Spannungsverhältnis zu jenem anderen Jesuswort, wir sollten uns nicht ängstlich sorgen. Aber richtig ist das schobn: Es gilt, auf der Hut zu sein und das Richtige für eine gute Zukunft zu tun, auch wenn das Zukünftige jetzt in der gegenwärtigen Zeit oft noch sehr nebulös und undurchschaubar ist.

Die Bibel geht übrigens auch sehr wahrheitsgetreu mit Noach um; sie verschweigt nicht, dass Noach einmal sturzbesoffen war vom vielen Wein und dass seine Söhne ihn in dieser peinlichen Lage fanden. Einer von den dreien geht behutsam und liebevoll mit dem volltrunkenen Vater um, die beiden anderen treiben ihre Scherze mit ihm. Auf diesen Fakt geht Jesus allerdings nicht ein. Er lobt Noach wegen seiner Umsicht und Zukunftssorge, nicht wegen seiner Liebe zum Wein.

Kürzlich haben wir mit einer großen Gruppe von Pilgern eine Wallfahrt in die Westschweiz und nach Burgund gemacht und auf dem Hinweg die heilige Messe in der Autobahn-Kirche Baden-Baden gefeiert, als Auftakt unserer Pilgerreise. Das ist eine wunderbare moderne Kirche in Form eines Zeltes, die der Architekt Friedrich Zwingmann 1974 (Einweihung 1978) aus Karlsruhe gebaut: ein Zelt für das Unterwegssein der Autofahrer, aber auch ein Symbol für unser lebenslanges Unterwegs-Sein zum ewigen Ziel.

Ungemein beeindruckend sind nicht nur das Portal und die Fenster, sondern besonders die Beton-Reliefs, die der Künstler Emil Wachter geschaffen hat, indem er Styroporformen an die Wände heftete, die dann von den Bauarbeitern mit Flüssig-Beton ausgefüllt wurden. Es ist sensationell, was Wachter und seine Leute mit dem sonst wenig ansehnlichen Beton gemacht haben: eine einzigartige, einmalige religiöse Bilderwelt. Sonst kennen wir Beton eher in großen, strukturlosen Flächen, aber als Kunstwerke?

Wachter hat vier große Relieftürme in Beton gegossen, und einen davon zeigt unser Bild, das Frau Cordula Millert aus Bocholt fotografiert hat. Es ist der Noach-Turm; man kann den Namen ganz oben lesen. Noach in seiner Arche ist ja auch einer, der unterwegs ist: ein Pilger zu einer neuen, heilen Welt. Unser Bild ist nur eine Seite des Turmes. Oben sieht man die Taube, die für Noach ein Hoffnungszeichen ist: ein Zeichen der erfüllten Hoffnung. Denn die Taube ist ein Zeichen des Friedens; denn Gott hat mit den Menschen endgültigen Frieden geschlossen. Hoffen wir, dass unsere Erde immer mehr eine Welt des Friedens wird.

Ein Schirm spannt sich über das Geschehen und steht für Gottes Schutz. Man sieht Noachs Hände, die die Taube in Frieden entlassen. Die Namen der drei Noach-Söhne sind eingeschrieben. Und im Zentrum sieht man die Arche mit Menschen und Tieren; es ist übrigens nicht das Unwichtigste an der Geschichte, sondern sehr zentral, dass auch die Tiere eine neue Zukunft bekommen; sie sind Mitgeschöpfe, keine Gegner des Menschen: „Hausgenossen“ in der Arche, so wie früher auf den Bauernhöfen Menschen und Tiere unter einem Dach lebten.

Unten sieht man, wie Noach die Arche schließt.

Darunter – auf unserem Bild nicht mehr zu sehen – zeigt Wachter die Gestalt eines „Riesen der Sintflut“, der der von den Errungenschaften unserer modernen Technik bedrängt wird und der anstelle des Kopfes ein Auto über seinem Körper hat; eine sehr zeitkritische Betrachtung des Künstlers, aber vielleicht hat er gar nicht so unrecht; vielleicht ist die Sintflut aktueller, als wir es wahrhaben wollen.