Fröhliche Heilige

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Es gibt in der Kunstgeschichte viele Abbildungen von Heiligen, die mit strengem Gesicht und angespannter Haltung ihre Heiligkeit vor sich her tragen. Und es ist wirklich seltsam, dass in der weiten Öffentlichkeit das Heiligsein eher mit Strenge und Askese, mit Ernst und Buße oder, wie meine Großmutter sagte, mit „Abtötung“ verbunden ist. Daran sind wohl viele Heiligengeschichten der Vergangenheit schuld, die den Weg zur Heiligkeit eher als mühsam, beschwerlich und trostlos beschrieben. Es ist übrigens auch kein Zufall, dass die Abbildungen der Passion Jesu viel zahlreicher sind als Abbildungen seines irdischen Lebens und Wirkens. Deshalb ist es eigentlich auch bedauerlich, dass in vielen Kirchen Kreuzwege abgebildet sind, in denen das Leiden und Sterben Jesu dem Betrachter zur stillen Kontemplation angeboten wird. Ich würde mir wünschen, dass es mehr „Lebenswege“ Jesu geben könnte, auf denen etwa gezeigt wird, wie Jesus Kinder segnet, Kranke heilt, Mahl hält mit Sündern usw. Aber das gibt es leider nicht. Haben wir Christen die Geschichte Jesu und damit seine Erlösungsgeschichte zu sehr auf das Kreuz und das Leid fixiert und zu wenig auf seinen freilich kurze Biographie, die wirklich des Nachdenkens wert wäre. Hat Jesus uns denn wirklich nur durch sein Kreuz erlöst und nicht auch durch seine Menschwerdung und sein öffentliches Leben und Wirken?

Es ist also nicht verwunderlich, dass auch Heilige eher in der Nähe des Leidens und der Traurigkeit ihren wenig beneidenswerten Platz haben, statt im wirklichen, prallen, fröhlichen Leben? Natürlich gibt es Heilige wie Don Bosco, die sich durch Lebensnähe und Realitätssinn ausgezeichnet haben, aber es sind nicht viele.

Umso erfreuter war ich, kürzlich wieder das Portal am Dom zu Bamberg ansehen zu können. Es ist das sogenannte Fürstenportal und stammt aus dem Jahr 1230. Da sitzt Jesus auf einem Thron, und zu seiner Seite stehen die Seligen und andere Menschen; es ist also eine Weltgerichtsdarstellung, wie wir sie zu Hunderten kennen. Wenn der frommem Beter in die Kirche eintrat, sah er über sich das große Weltgericht, von dem der Evangelist Matthäus im 25. Kapitel seines Evangeliums gleichnishaft erzählt. Die Menschen wurden also daran erinnert, wofür und auf welches Ziel hin sie leben.

Und da sahen die Leute diese herrlichen fröhlichen Heiligen, die zur Rechten Jesu – vom Betrachter aus links - abgebildet sind. Welch eine fröhliche, vergnügte Art, heilig zu sein. Die strahlen über das ganze Gesicht, und wenn sie nicht die Hände so fromm gefaltet hätten, könnte man sie für lustige Schelme halten. Offensichtlich ist für sie der Himmel nicht eine langweilige Angelegenheit, in der man ständig das Halleluja singen muss, sondern ein Ort der Freude und des Humors. Ich finde, dass die Heiligen so aussehen, als ob sie sich gerade Witze erzählten; der Linke ist der Erzählende und er hat wohl gerade einen tollen Witz losgelassen, und sie anderen lachen herzlich. Das tut ihrer Heiligkeit keinen Schaden, denn die Hände sind gefaltet, während sie fröhlich schmunzeln. Heiligkeit und Fröhlichkeit sind also offensichtlich kein Gegensatz, sondern sind eng miteinander verwandt. Das zeigen uns die fröhlichen Heiligen auf eindrucksvolle Weise. Übrigens hat Hans Dieter Hüsch in seinen wunderbaren Geschichten auch den Himmel als eine Versammlung von fröhlichen Menschen geschildert.

Wenn man übrigens das ganze Portal betrachtet, kann man sehen, dass auch die Leute auf der anderen Seite nicht in Schmerz und Trauer angesichts ihrer Verurteilung versinken, sondern dass auch sie in ihrer Art ganz vergnügt sind. Vielleicht wollte der Künstler damit andeuten, dass da gar keine Verdammten sind, sondern nur Leute, die sich ihres Lebens über den Tod hinaus freuen. Ich werde ihnen diese andere Seite des Portals bei anderer Gelegenheit zeigen.

Ich kenne wenige Kunstwerke, die den Humor und die Fröhlichkeit so ausgiebig darstellen. Vielleicht ist die Fröhlichkeit sogar das besondere Kennzeichen derer, die aus dem Weltgericht Jesu kommen. Sie haben ja auch Grund dazu.

 

Ulrich Zurkuhlen (August 2006)